„Wir waren nur Schachfiguren in einem grausamen und brutalen Spiel.“ – Darnell Stephen Summers und 4+2 Fragen

„Die Existenz der Soldaten ist, nächst der Todesstrafe, das schmerzlichste Überbleibsel der Barbarei, das es unter Menschen gibt.“
Alfred Comte de Vigny

Darnell Stephen Summers ist Friedensaktivist und weiss wovon er redet, wenn er seine Stimme erhebt und gegen den Wahnsinn des Krieges richtet. Er war Soldat in Vietnam.
Der Krieg in diesem Land begann 1954 mit der, von außen, aufgezwungenen Teilung des Landes.
Die USA unterstützten zunächst logistisch und mit Waffen die antikommunistische Regierung des südlichen Teils, während die Regierung Nordvietnams die „Nationale Front für die Befreiung Südvietnams“, auch bekannt als „Vietcong“, ähnlich förderte.
Da die Bevölkerung aus beiden Teilen des Landes sich solidarisch mit den Vietcong zeigten, mussten die USA über kurz oder lang auch mit Bodentruppen in den Krieg eingreifen.
Der Bevölkerung der Vereinigten Staaten wurde der Wille zu dem Krieg abgerungen indem Lyndon B. Johnson in die altbekannte geostrategische Trickkiste griff und gemeinsam mit dem CIA wurde eine Lüge konstruiert, die einen Angriff auf zwei US-Kriegsschiffe behauptete. Bekannt wurde diese Farce unter dem Titel „Tonkin-Zwischenfall“.
Darnell war sich zur Zeit seines Einsatzes schon über die Doppelmoral der US-amerikanischen Regierung bewusst und war auch innerhalb des Militärs durch seine revolutionären, antiautoritären Ansichten bekannt – die auch ein Grund waren, ihn nach Vietnam zu schicken. Als Afro-Amerikaner wurde er seit jeher mit dem tief verwurzelten Rassismus, in der US-Bevölkerung und darauf aufbauenden Gesellschaft, konfrontiert.
Rassismus ist nichts anderes als Klassenkampf und gerade auch rassistische Stereotype waren es, die lange Zeit die Grausamkeiten des Vietnam Krieges überdecken konnten.
Simple Fotografien und die Erzählungen von heimkehrenden Soldaten waren es, die den Bevölkerungen auf unserem Planeten vor Augen und zu Ohren führen, dass die Menschen, die eben auch ihn Vietnam im Namen der Demokratie, der westlichen Freiheit, abgeschlachtet wurden, eben auch nichts anderes waren als Menschen.
Ein schreiendes, verbranntes Mädchen, wirkt, trotz nicht weisser Hautfarbe und Mandelaugen, entsetzlich auf das Herz des wohlstandsverwahrlosten Westler und Westlerin. Die geistige Komfortzone wurde mit den Kriegsfotografien und der offenen Berichterstattung über Kriegsverbrechen durchbrochen und es formierte sich eine globale Friedensbewegung.
Es war aber nicht nur die Macht der freien Medien, des damals noch freien Journalismus die den Krieg in Vietnam für die Regierung in den USA zu einem Fiasko werden ließen. Es waren vor allem die revolutionären Kräfte innerhalb des Militärs, denen auch Darnell Stephen Summers angehörte, die diesen Krieg beendeten.
Die schonungslose, radikale Wahrheit hat beendet, was mit einer fanatischen Lüge begann.
Es ist ein Sittenbild unserer Zeit, dass gerade die damaligen subversiven Kräfte innerhalb des US-Militärs zensiert werden und dass genau dieser Umstand zu einer Umstrukturierung der amerikanischen Streitkräfte führte.
Die Wehrpflicht wurde abgeschafft und es folgte das Berufsheer.
Für uns von Gruppe42 ist das große Motto „Defragmentierung“ – das heisst, wir wollen Zusammenhänge offenbaren, die die herrschende Verhältnisse in einem faktischen Zusammenhang erklären.
Wir freuen uns daher sehr, dass wir Darnell Stephen Summers am 11. November, der zufällig auch der „Tag der Veteranen“ ist, in Wien zu Gast haben und er hier einen Vortrag geben wird.
Als Vorbereitung darauf stellten wir Darnell 4+2 Fragen:

Darnell, Du warst als Soldat in Vietnam. Kannst Du uns bitte schildern wie es zu Deinem Einsatz kam und in welcher Funktion Du in Vietnam stationiert warst?

Im Frühjahrsbeginn 1968 war ich in Kaiserslautern stationiert. Im Spätsommer 1967 bin ich nach K-Stadt gekommen. Damals wurde ich in das Büro des Kompanieführers gerufen und in Anwesenheit des 1. Wachtmeisters wurde mir gesagt, dass ich zwei Optionen habe. Ich konnte entweder ins Gefängnis gehen oder mich freiwillig für Einsatz in Viet Nam melden.
Ich war ein sehr freimütiger Soldat und verurteilte den Krieg ständig vor ihren Gesichtern. Ich habe sie an ihre Grenzen getrieben. Sie mussten mich los werden.
Ich habe im März 1968 bei einem Jazz Konzert meine erste Frau, Erika, die ein Gymnasium in Kaiserslautern besuchte, kennengelernt. Wir haben uns dazu entschieden, eine Wohnung zu suchen, sodass wir eine normale Beziehung führen konnten und natürlich auch ein wenig Privatsphäre hatten. Es hat eine Weile gedauert bis Erika eine Wohnung gefunden hat, da die meisten Deutschen nicht bereit waren, an eine junge Frau zu vermieten, die mit einem schwarzen Soldaten zusammen war. Rassismus war in den meisten deutschen Städten, in denen schwarze Soldaten stationiert waren, allgegenwärtig.
Schließlich fand Erika ein älteres Paar, welches bereit war, an uns zu vermieten und die sich eben nicht für die Farbe meiner Haut interessiert haben. Sie waren sehr nette Menschen.
Meine erste Adresse in Deutschland war übrigens die Karl Marx Strasse 4.
Für mich war das eine ganz neue Situation. Meinen eigenen Platz und weit genug vom Militär entfernt, sodass sie meine Aktivitäten nicht überprüfen konnten.
Ich begann Probleme mit dem Militär zu bekommen, weil ich zu spät zu den Morgenformationen kam und ich mehr oder weniger ein Aussteiger ihres unterdrückerischen Systems war. Ich wurde etliche Male gewarnt und dann kam der Befehl, in das Büro des Kompanieführers zu kommen. Ich musste ein Dokument unterschreiben, in dem ich „ersuchte“, in den Vietnam geschickt zu werden. Der Rest ist Geschichte.

Als Du nach Vietnam geflogen bist, hattest Du das Gewehr in der Hand. Als Du wieder zurück in die Staaten geflogen bist, warst Du in Handschellen. Was ist für Dich in diesem Land und in dem Krieg passiert?

Nein, wir hatten keine Waffen am Flug nach Viet Nam. Technisch gesehen waren wir auf einem kommerziellen Flug, welcher Flying Tiger Airlines gehörte, und von der CIA geführt wurde. Selbstverständlich habe ich bei der Ankunft bei meiner Einheit, 335. TRANS Co(ADS) in Chu Lai, Viet Nam, eine Waffe bekommen. Als ich in die USA zurückkehrte, wurden mir tatsächlich während der Reise Handschellen angelegt, als Resultat der Anklage wegen angeblichen Mordes und Angriffes auf Polizisten während ich zuhause beurlaubt war, bevor ich nach Viet Nam ging. Ich war mit eine lokalen Gruppe von Leuten in einem kleinen Vorort von Detroid, Inkster Michigan, verbunden, die nach Jahren der Vernachlässigung, der polizeilichen Gewalt und der Korruption mit ihrer Geduld am Ende waren und die offen gegen dieses System protestierten.

Links: Darnell Stephen Summers

Links: Darnell Stephen Summers

Befehlsverweigerung ist eine der bekanntesten Methoden die ein Soldat als Protest anwenden kann. In Vietnam wurden auch große Bestände der Fahrzeuge durch Sabotage von den eigenen Soldaten beschädigt. Von den Befehlsgebern am Meisten gefürchtet war wohl „Fragging“. Die meisten Soldaten sind doch, behaupten wir mal, mit guter Absicht und vor allem auch mit Vertrauen in ihre Offiziere in diesen Krieg gezogen. Warum gelang es den Befehlsgebern nicht mehr, die Soldaten am Gehorsam zu halten?

Sabotage war weltweit ein tägliches Ereignis im U.S. Militär. Es passierte auf Schiffen, Luftwaffenstützpunkten und Häfen. Über 1.000 Amtsträger und Unteroffiziere wurden von amerikanisch-militärischem Personal getötet. „Fragging“ war eine bevorzugte Methode um klare politische Statements gegenüber dem Krieg zu machen.
Als ich das U.S. Militär betrat gab es ein moralisches Rekordtief. Tausende Soldaten waren tot, jeder hinterfragte den Krieg und die Lügen, die für jeden offensichtlich waren.
Wir waren nur Schachfiguren in einem grausamen und brutalen Spiel.

Du warst selbst Teil der revolutionären Kräfte innerhalb des Militärs. Die Mär rund um das Ende des Vietnamkriegs behauptet, dass es die Berichterstattungen und die großen Friedensbewegungen waren, die den Krieg beendet hatten. Tatsächlich wird, in der offiziellen Geschichtsschreibung, die man als Bürger per Lehrplan vermittelt bekommt, verschwiegen, dass es Umsturzpläne innerhalb des Militärs gab die einen Putsch der Regierung in den USA planten.
Wie weit waren dies Pläne ausgearbeitet und wie sehr hängt die Umstrukturierung des us-amerikanischen Militärs, nach Vietnam, damit zusammen?

In den 60er Jahren war das Wort „Revolution“ in den Mündern der meisten linken Menschen. Aktivisten würden Leute grüßen und fragen: „Was passiert?“, und die Antwort wäre unveränderlich: „Die Revolution, Baby, die Revolution!“. Allgemein gesprochen war das der Schlachtruf. Einer meiner liebsten Slogans aus den 60ern war „Freiheit jetzt“. Man sah die Slogans auf Transparenten, Postern und T-Shirts. Der Wunsch nach sofortiger Veränderung war allgegenwärtig. Leute wollten ein Teil des Strebens nach Veränderung sein und sie spürten die Dringlichkeit des Moments.
Putsche, die von Elementen innerhalb des US Militärs geplant wurden, sind aber nichts Neues und die US Regierung bemüht sich sehr, diese Tatsachen zu verschleiern. Die Führung hat an mehreren Putschversuchen in der Geschichte des US Militärs teilgenommen. Es gibt einen berühmten Fall von General Smedley der 1934 einen Komplott zur Ermordung von Präsident Roosevelt aufdeckte. Der Putschführer wollte, dass er die Führung über eine paramilitärische Gruppe von bis zu 500,000 Männern übernimmt um die US Regierung zu stürzen. Bis heute gibt es Diskussionen, Komplotte und Gerüchte von Verschwörungen.
Aufstände von gewöhnlichen Soldaten sind eine ganz andere Sache. Sie können spontan, mit sehr wenig Planung, sein. Das Gegenteil, wo Soldaten zusammenkommen um über die Situation und ihre Optionen zu diskutieren, kann ebenso sein.

„Die Kommunikation darüber wurde durch die Einführung des Mobiltelefons und des Internets beschleunigt. Die Anti-Kriegs Bewegung kann nun auf einer globalen Basis in Echtzeit reagieren. Dies gibt uns einen großen Spielraum in unserer Fähigkeit, mit revolutionär gesinnten Leuten aus dem Militär aus allen Ländern Kontakt aufzunehmen.“

Oftmals ist das in Viet Nam passiert. Einzelne Soldaten und Einheiten widersetzten sich tapfer ihren Vorgesetzten mit einem klaren Ergebnis und Resultate, die für alle offensichtlich waren.
Soldaten verloren ihren verblieben Glauben welchen sie in die Regierung hatten.
Die Niederlage des US Imperialismus war eine Kombination aus vielen Faktoren. Die Rolle, welche US Soldaten rund um die Niederlage in Viet Nam spielten, kann nicht genug hinterfragt oder überbetont werden.
Nach dem Viet Nam Krieg versuchte die US Regierung Lehren aus dem Problem von einem gebrochenen, desillusionierten und rebellischem Militär zu ziehen. Der erste Schritt war, es zu einem komplett freiwilligen Militär zu machen. Der Grundgedanke war, dass, wenn das Militär nur aus Freiwilligen zusammengesetzt wird, es dann kaum Möglichkeiten für Protest gegenüber Regierungsplänen bezüglich Eroberungskriege und der folgenden Besatzung gibt.
Damit lagen sie falsch. Soldaten hatten immer noch die Fähigkeit zum Denken und Fühlen und viele machten davon auch Gebrauch. Kritische Soldaten und Veteranen waren nun ernsthaft involviert in das Informieren und die politische Erziehung von Truppen der neuen All Voluntary Military.
Nicaragua, Grenada, Jugoslawien, Irak und Nord Afrika bieten große, informative Gelegenheiten um die Komplexität der geostrategischen Politik zu verstehen.
Die Kommunikation darüber wurde durch die Einführung des Mobiltelefons und des Internets beschleunigt. Die Anti-Kriegs Bewegung kann nun auf einer globalen Basis in Echtzeit reagieren. Dies gibt uns einen großen Spielraum in unserer Fähigkeit, mit revolutionär gesinnten Leuten aus dem Militär aus allen Ländern Kontakt aufzunehmen.

Rechts: Darnell Stephen Summers

Viele Soldaten der us-amerikanischen Streitkräfte sind von Deutschland aus über oder nach Vietnam geflogen. Das war vor fast einem halben Jahrhundert. Du lebst in Berlin, arbeitest in Deutschland, sprichst gut die deutsche Sprache und kennst dieses Land. Wir kritisieren sehr gerne die Regierung der USA und den gewaltigen militärischen Apparat der vereinigten Staaten und übersehen dabei dann gerne, dass der militärisch-industrielle Komplex der USA zwar der größte, aber bei weitem nicht der einzigste Verbrecher ist.

Wie betrachtest Du die Rolle Deutschlands seit 1945 und hier vor allem seit dem Krieg in Jugoslawien wo zum ersten Mal, seit den Verbrechen des zweiten Weltkrieges, wieder ein Land vom deutschen Militär per Blitzkrieg aus der Luft in ein Fiasko gebombt wurde?

Nicht viel militärisches Personal ging direkt von Deutschland nach Viet Nam. Es mussten sehr spezielle Umstände vorhanden sein, so dass dies geschieht.
Vor dem Einsatz ist es üblich, dass das Militär es seinen Soldaten, Matrosen und Flugzeugführer erlaubt, für eine Weile nach Hause zu gehen. In den meisten Fällen bis zu dreissig Tage, um sich von ihren Familien, die sie vielleicht für das letzte Mal sehen, zu verabschieden.

„Deutschland hat in jedem militärischen Konflikt, welchen die US Regierung seit dem 2. Weltkrieg provoziert hat, eine Rolle gespielt. Militärisches Persona aus Deutschland hat aktiv an vielen dieser Konflikte teilgenommen.“

„Die Rolle Deutschlands“ – das ist ein Thema das nicht oft genug angesprochen wird. Die Vereinigten Staaten haben bereits 1944 entschieden, dass sie Mitglieder der Gestapo, SD und anderes Personal das hohe Posten bei den Nazis inne hatte, für ein Projekt rekrutieren und integrieren würden, welches später eben als CIA bekannt wurde.
Das „Office Of Strategic Services“ war gerade dabei, für einen anderen Krieg, zu planen, als sie noch mitten in einem Krieg waren. Ein Skandal von Anfang an. Diese Frage muss gestellt werden: Was war das Resultat von dieser bösartigen und abscheulichen Zusammenarbeit und was ist ihre Hinterlassenschaft?
Deutschland hat in jedem militärischen Konflikt, welchen die US Regierung seit dem 2. Weltkrieg provoziert hat, eine Rolle gespielt. Militärisches Persona aus Deutschland hat aktiv an vielen dieser Konflikte teilgenommen. Vor ein paar Jahren habe ich in einem Internet Chat den „World War 2“ als einen Krieg unter Dieben beschrieben. Das ist heute noch meine Einstellung.

Du wirst am 11. November in Wien zu Gast sein und hier einen Vortrag geben. Was wirst Du bei diesem Vortrag behandeln und worauf dürfen wir uns freuen?

Der 11. November ist Tag der Veteranen und ist damit eine perfekte Kulisse, um über Krieg und wie er auf unsere Zukunft auf diesem Planeten wirkt, zu reden.

Das Gespräch führte für Gruppe42 Stephan Bartunek.

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