Wenn zwei das Gleiche tun…

Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe, sagt ein altes Sprichwort. Auf die diskriminierende Tiefe dieser Weisheit wird man in Deutschland im Alltag immer wieder in aller Deutlichkeit und oftmals auch von ganz unerwarteter Seite hingewiesen.
trauriger bär

Als Schlag in die Magengrube ganz im Zeichen dieser Diskriminierung empfand ich auch die vom Zentrum für politische Schönheit im Vorfeld der Aktion vom 21.06. auf Facebook gepostete Nachricht, der Journalist Ken Jebsen, der Friedensaktivist Pedram Shayhar und alle Neurechten mögen der geplanten Aktion vor dem Kanzleramt fern bleiben. Sie seien nicht erwünscht.
Die Nachricht traf mich in dem Moment, in dem ich mich zum ausgeschriebenen Treffpunkt aufmachen wollte. Ich fühlte mich getroffen, denn der ideologische Kampfbegriff “neurechts” wurde auch schon gegen mich häufig in Anschlag gebracht, obwohl ich sicherlich alles Mögliche bin, nur nicht rechts, gleichgültig mit welchem Präfix versehen.
Sollte ich jetzt auch zu Hause bleiben, weil ich mich positiv über Lars Mährholz geäußert habe und Ken Jebsen für einen herausragend guten Journalisten halte, der sich bisher nicht hat kaufen lassen?
Ich bin trotzdem hingegangen, denn das Ansinnen der Aktion schien mir zu wichtig. Die Veranstalter setzen sich gerne selbst über die ein oder andere Konvention hinweg, also würde ich mich jetzt über die Veranstalter hinwegsetzen. Zudem handelte sich um Kunst, die Veranstalter waren dementsprechend Künstler und damit der Ästhetik und nicht der Erkenntnistheorie verpflichtet. Da darf man mit einer Aussage auch mal kräftig daneben liegen, erklärte ich mir selbst gegenüber das verunglimpfende Ereignis klein.
Dessen ungeachtet bleibt es natürlich schwierig, weil hier deutlich wird, wie sich auch politische Kunst mit ganz einfachen Begrifflichkeiten instrumentalisieren lässt. “Neurechts” ist ein ideologischer Kampfbegriff, der bei genauer Betrachtung keinerlei Referenz besitzt, sich allerdings hervorragend zur Domestizierung emanzipatorischer Bewegungen einsetzen lässt.
Dass er sich nun ausgerechnet in Deutschland so großer Beliebtheit und Wirkungsmacht erfreut, macht auf eine kulturelle Besonderheit aufmerksam.
In Deutschland zählt noch immer und offensichtlich in allen gesellschaftlichen Bereichen die Herkunft mehr als jeglicher Inhalt und jegliches Können.
Woher jemand kommt, ist vielfach wichtigeres Bewertungskriterium als das, was er oder sie tut und mit welcher Motivation es getan wird.
Genealogisches Denken scheint den Deutschen tief eingeschrieben zu sein. Es lässt sich nicht einfach eliminieren, ganz offensichtlich auch innerhalb der emanzipatorischen Bewegungen nicht. Es ist gleichsam der unaufgeklärte, dunkle Schatten, den die deutsche Linke wirft.
Nur so ist erklärbar, dass ein herausragend guter Journalist, der seine Wurzeln eben nicht in der klassischen Friedensbewegung und der domestizierten Linken hat, beständig diffamiert wird, obwohl die Inhalte, die er kommuniziert, der Aufklärung, dem Antirassismus und dem Gedenken einer internationalen Weltgemeinschaft verpflichtet sind.
Hier zeigt sich meines Erachtens ein ganz elementarer dunkler Bereich des Deutschen Wesens. Man hat sich zunächst in das starre Korsett einer Genealogie zu fügen, bevor man das Recht beanspruchen kann, sich zu äußern.
Zugespitzt lässt sich sagen, es ist eine unglaubliche Dreistigkeit, dass zum Beispiel ein Ken Jebsen meint, er könne sich einfach so mal äußern und dabei alle Herkunftshierarchien übergehen. Er kann sich gerne andienern und unterwerfen, und wenn das gut läuft, dann dürfen seine Enkel sich äußern, ohne sofort von Kritik überschüttet zu werden. So läuft Deutschland und nicht anders. So läuft Deutschland von links bis rechts.
Es ist dieser starke autoritäre und autroritätsgläubige Charakter, der sich in allen gesellschaftlichen Bereichen in Deutschland immer wieder Bahn bricht und der auch von der deutschen Linken wiederholt wird, ohne dass sie sich befreien könnte. Wer dem wenig substanziellen Geschreibsel auf de.indymedia.org und den dort publizierten ewig gleichen Empörungskaskaden mit weitmöglichst reduziertem Anteil an Aufklärung den Vorzug vor engagiertem, aufklärenden Journalismus gibt, fügt sich dem Paradigma des deutschen Knechtes, der Dinge einfach deswegen tut, weil sie schon immer so getan werden. Da könnte ja jeder kommen.
Ich erstaune immer wieder ob dieses Phänomens eines typisch deutschen, feudalistischen Denkens in Begriffen der Abstammung und Herkunft. Wie dieses große Hindernis der Befreiung zu überwinden ist, weiß ich auch nicht. Es lässt mich weitgehend ratlos und, wie im Fall des Posts des Zentrums für politische Schönheit, auch oftmals verzweifelt zurück.

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