„Das System, das wir alle gemeinsam untergraben müssen, ist das System der strukturellen Gewalt.“ – 4+2 Fragen mit Rüdiger Lenz

„Du musst nicht kämpfen um zu siegen.“
Shaolin Weisheit

Rüdiger Lenz ist ausgebildeter Kampfsportler. Er war internationaler deutscher Meister im Vollkontaktsport Taekwon Do und trainierte auch Shaolin Kung Fu, Kendo und Iai-Do.
Folgt man diesem Lebenslauf wirkt es vordergründig überraschend, dass Rüdiger Lenz vor fünfzehn Jahren begonnen hat sein „Nicht-Kampf Prinzip“ zu entwickeln, seine gutgehende Kampfschule aufzugeben und gemeinsam mit Dr. Michael Heilemann Gewalttäter zu behandeln – äußerst erfolgreich.

Doch bevor Rüdiger Lenz diesen Weg einschlagen konnte war es für ihn harte und konfrontative Arbeit. Mit sich selbst und seiner Vergangenheit. Er stammt aus zerrütteten Familienverhältnissen und hat mit Selbsttherapie den schwelenden inneren Konflikt zu seinem Vater gelöst. Der Kampfsport hatte ihn damals halt gegeben und ihn zu seinen Grenzen, aber auch zu seinen größten bisherigen Leistungen geführt.
Als Schulabbrecher ist der zukünftige Karriereweg schon vorgegeben, Du schaffst es als Hilfsarbeiter, landest irgendwo im Schichtdienst oder ziehst den Absturz als Drogen- oder Alkoholopfer vor. Für Rüdiger kam das alles aber nicht in Frage, er hatte zwar eine tragisch-traurige Vergangenheit hinter sich, aber den Willen für eine bessere Zukunft. Lange Zeit gab es für ihn nichts anderes als Training und Lektüre. Tagsüber die Zeit in der Kampfschule, wo sein Lehrer sein Talent erkannte und förderte und abends dann zuhause das Selbststudium an philosophischen und gesellschaftspolitischen Werken großer Denker und Autoren.
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Es war nur eine Frage der Zeit, bis Rüdiger Lenz, nachdem er die Geister seiner Vergangenheit hinter sich lassen konnte, seinen Blick auf die Schatten richten konnte, die über unserer westlichen Zivilisation liegen.
Es ist die sogenannte Wettbewerbs- oder Leistungsgesellschaft die immer wieder Opfer produziert und welche dann, die einen mehr, die anderen weniger, selber wieder zu Tätern werden. Ein Kreislauf der einer Abwärtsspirale folgt, die Verrohung der Gesellschaft ist bei allen technischen, medizinischen und kulturellen Fortschritten nicht mehr zu verleugnen.
Das einzelne Individuum bleibt von der Werbung hochstilisiert, aber letzten Endes trotzdem im Stich gelassen, traurig zurück. Der Konsument taugt solange, solange er in der Lage ist, mehr passiv als aktiv am Wettbewerbe teilzuhaben indem er das Hamsterrad für sich und andere am Laufen hält. Tut er das nicht mehr, wird er aussortiert und bleibt als Randgestalt übrig die ihren Frust und Ärger dann entweder per Autoaggression auslebt oder eben zum Gewalttäter gegenüber anderen wird.
Rüdiger Lenz kümmert sich als Tätertherapeut um die harten Fälle von ihnen, er therapierte junge Menschen im Jugendknast, die von Anfang an schon schlechte Aussichten auf eine rosige Zukunft haben.
Mittlerweile hat er seine eigene Praxis in Hameln wo er auch mit seiner Frau lebt und seine Erfahrungen und Theorien in zwei Büchern festgehalten.
„Das Nicht-Kampf Prinzip“ erschien 2005 und „Die Fratze der Gewalt“ erschien 2012.
Zusätzlich betreibt er noch die Webseite nicht-kampf-prinzip.de und hat vor erst kurzer Zeit den Youtubekanal Nichtkampf.tv gegründet.

Gruppe42 freut sich, dass Rüdiger Lenz im Rahmen der Vortragsreihe: „Neoliberale Propaganda – wie uns die Medien zur Solidarität mit den Herrschenden zwingen“ am 18. November in Wien sein wird und uns mit seinem Beitrag „Das Nicht Kampf Prinzip – Wege in den Frieden“ unterstützen wird.
Im Rahmen der Porträtreihe die wir zu diesen Vorträgen veröffentlichen stellen wir Rüdiger Lenz 4+2 Fragen:

Rüdiger, Du hast aus dem Kampfsport heraus das „Nicht Kampf Prinzip“ entwickelt. Nachdem Du ja eine Kampfschule geführt hast und Lehrer warst, wirkt das von Außen betrachtet nicht wirklich logisch, blickt man aber genauer auf Deine Intention, dann ist gerade dieser Schritt eine natürliche Entwicklung. Kannst Du uns erzählen, was für Dich ausschlaggebend war, dass Du vom Kämpfer zum Nicht-Kämpfer wurdest?

Ich war von Anfang an meiner aktiven Kampfkunstzeit nie so sonderlich am Kämpfen interessiert. Obwohl ich nach nur drei Jahren Kampfsport Internationaler Deutscher Meister im Vollkontaktsport Taekwon Do wurde. Ich trainierte auch Shaolin Kung Fu, später auch Kendo und Iai-Do, mich interessierten die Körperbewegungen, das Aushalten und Können schwierigster Bewegungen, Tritte und Sprünge. Kung Fu war für mich eine Offenbarung. Kampfsport ist ein idealer Sport, um seine Schwächen zu besiegen und an seinen Stärken zu feilen. Man lernt sich unglaublich tief und weit selbst kennen, meistert schwierige Situationen und lernt, an sich selbst festzuhalten und einen starken Willen zu bekommen.
Das hat mich am meisten interessiert und heute am weitesten gebracht: Selbstdisziplin. Und genau dieser Kampf mit sich selbst – für sich selbst, den habe ich schon früh erkannt und gelernt, dass die anderen Gegner im Kampfsport nur ich selbst bin. Der Sieg über die inneren Schwächen, einen Sieg oder Gewinn über andere zu bekommen, widerte mich am Ende meiner Laufbahn sogar an.

„Dieser innere Konflikt war mein Energiemotor, das Nichtkampf-Prinzip zu entwickeln.“

2002 kam dann der Zufall in mein leben in Gestalt von Dr. Michael Heilemann. Er ist psychologischer Psychotherapeut und hat das heute sehr bekannte Antiaggressivitäts-training AAT entwickelt. Zusammen mit der Sozialwissenschaftlerin Gabriele Fischwasser-von Proeck. Ich lernte ihn durch einen Zufall kennen und er brauchte einen Deeskalations-trainer für seine Ausbildungen zum Antiaggressivitäts-Trainer. Als ich dort mitgemacht habe, schoss meine Entwicklung in seinem Team quasi raketenhaft in die Höhe. Das was ich zuvor alles erlernte nutzte ich nun, um eine neue Form der Deeskalation zu entwickeln, aus dem dann das Nichtkampf-Prinzip wurde. Aber das war im Kern noch gar nicht der Grund dafür, dass ich sehr konzentriert und selbstdiszipliniert an einer Möglichkeit arbeitete, einen Konflikt aufzulösen, auch dann, wenn der Aggressor dies vehement ablehnt und dennoch „zuschlagen“ will. Im Inneren trieb mich ein persönlicher Konflikt mit der Mutter meines Kindes dazu, Tag und Nacht an eine solche Möglichkeit zu arbeiten. Sie boykottierte den Umgang mit meinem Sohn mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln. Und diese waren sehr umfassend. Dieser innere Konflikt war mein Energiemotor, das Nichtkampf-prinzip zu entwickeln.
Dass ich im „Hamelner AAT-Team“ landete war ein Multiplikator dieses Energiemotors, denn ich konnte dort mit den „Härtesten der Harten“, in der Jugendanstalt Hameln JA (Jugendknast), meine Theorien sofort in die Praxis umsetzen und in meiner Kampfsportschule mit meinen höchsten Schülern ein komplettes neues Deeskalations-System entwickeln. Den weltweit ersten Deeskalationssport. So war das damals. Ich habe von 2002 bis 2004 daran gearbeitet und dann mein erstes Buch geschrieben: Das Nichtkampf-Prinzip.

Du hast mit Deinem „Nicht Kampf Prinzip“ als Therapie eine sehr hohe Resozialisierungsquote, auch bei sehr harten Gewalttätern. Wie begegnest Du diesen Menschen und wie erklärst Du Dir, dass Du den Prozess der Heilung, des Loslösens von der Gewalt, bei diesen Menschen so effektiv anstößt?

Zunächst einmal ist es so, dass ich kein ausgebildeter Psychologe bin.
Ich bin im Grunde genommen über die Kampfkunst zum Therapeuten geworden. Ich habe ja gerade schon meinen Kontakt mit Michael Heilemann erwähnt. Michael hat mein Talent schon erkannt, da spürte ich es in mir nicht einmal. Er hat mich seit 2002 sehr häufig in seine Praxis geholt, damit ich mit seinen Klienten Probleme löse, die er nicht lösen konnte. Oft bekam ich Gewalttäter, die er „nicht knacken“ konnte. Ich jedoch schon. Zur gleichen Zeit gründete ich Gruppentrainings, meine ersten fünf Gruppen „Ichstärke-Training“ in Hameln, die ein sehr großer Erfolg wurden. Zeitgleich war ich im AAT bei Thomas Ramm in der JA-Hameln und arbeitet in seinem Team zum ersten Mal mit Straftätern im Vollzug.

„Hinzu kommt, was sich die meisten studierten Psychologen nicht vorstellen können: Als Kampfsportler hat man keine Berührungsängste.“

Was viele meiner Kritiker nicht verstehen: Als Sporttrainer, der ich seit meinem achtzehnten Lebensjahr durchgängig war, also damals schon 22 Jahre lang, erlernt man ganz anders als Pädagogen, Erfolge im Menschen zu bekommen. Und diese Selbstausbildung, die die meisten Sporttrainer durchlaufen, haben mich wach gerüttelt. Erfolge bei Maßnahmen oder Trainings oder Therapien bekommt man nur, wenn man sich dabei auf die eigenen innere Menschlichkeit einlässt und diese auch beim gegenüber einen Platz einräumt. Ein willkommenen Platz voll Empathie und Rücksichtnahme sowie Realitätssinn für die Belange des Gegenübers. Das hat mich geformt. Ein ausgebildeter Psychologe beginnt erst in seiner Praxisarbeit damit, das für sich zu erkennen. Aber die Ausbildungen zum Therapeuten verlangen und erwarten solch eine Empathie ja gar nicht. Dort wird nach Schlüsseln und vordefinierten „Krankheiten“ gearbeitet. Ich habe lediglich nach den inneren Konflikten im Sinne der Kampfstruktur gesucht und wurde immer fündig. Ich arbeite immer auf gleicher Augenhöhe und versuche immer, in die Menschlichkeit mit den Tätern zu kommen. Und das kann ich wohl ziemlich gut. Das ist ein wichtiger Teil meines Erfolges vor allem mit Gewalttätern.
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Hinzu kommt, was sich die meisten studierten Psychologen nicht vorstellen können: Als Kampfsportler hat man keine Berührungsängste. Und einen Konflikt kann man nicht nur länger aushalten sondern ihn auch künstlicher länger am Leben halten, um den inneren Konflikt herauszulocken. Ich nenne das „die Sprache des Zweikampfs“.

Gibt es Menschen wo Du meinst, hier kann man als Therapeut im Sinne einer Besserung, einer Resozialisierung nicht erreichen?

Ja, die gibt es und sie teilen sich grundsätzlich in zwei Gruppen auf. Zum Einen die nicht therapierbaren Täter. Sie sind meist psychopathisch veranlagt oder in der Familientradition Generationen übergreifend in einer Täterkultur verfangen. Das hat mit ihren Identitätsbildern zu tun. Die zweite Gruppe ist die der zu sehr ans System angepassten und intellektuell minderbemittelt, um in harter Arbeit da wieder raus zu kommen. Es ist sehr harte Arbeit, als Täter sich kognitiv so zu trainieren, dass sie in der Mittelschicht wieder als Belohner der Gesellschaft und nicht als Bestrafer, ankommen.

„Die Menschen glauben, sie seien krank und das wird ihnen auch so eingeredet; von Klein an. Die menschen kämpfen mit ihrem übergroß optimierten ICH gegen ihr unterversorgtes SELBST an.“

Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene betrachtet, meinst Du, dass es auch hier Systeme gibt die man nicht mehr verändern kann sondern umgehen oder untergraben muss?

Auf jeden Fall. Denn sie zeichnen sich durch eine hohe Optimierung von Desintegrativität aus. Ich meine das Herrschaftsprinzip. Von ihm gehen so gut wie alle Zivilisationskrankheiten des Körpers und der Seele aus. Denn dieses Prinzip ist Mitursache dafür, dass die Menschen untereinander alles im Kampf austragen. Dieser Kampf ist eine Kampf gegen das System, aber er wird nicht als solcher Empfunden. Die Menschen glauben, sie seien krank und das wird ihnen auch so eingeredet; von Klein an. Die Menschen kämpfen mit ihrem übergroß optimierten ICH gegen ihr unterversorgtes SELBST an. Das ist ein Kampf, der ihnen ihre innere Natur aufdrängt. Aber auch hierfür haben die Menschen keinen Sinn, sind nicht selbstempathisch genug, um das so zu verstehen. Lieber kämpfen sie diese inneren Kämpfe im Außen nach und fühlen sich erst dadurch selbsgestärkt und…im Recht. Aber davon vielleicht ausführlicher und mehr am Mittwoch bei meinem Vortrag. Denn dieses Thema ist äußerst komplex aber auch hochspannend.
Das System, das wir alle gemeinsam untergraben müssen, ist das System der strukturellen Gewalt.

Du kommst wie erwähnt nächsten Mittwoch nach Wien und wirst hier einen Vortrag unter dem Titel „Wege zum Frieden – das Nicht Kampf Prinzip“ halten. Was wird uns ungefähr erwarten?

Eine Reise ins Innere von uns allen. Eine Reise ins Ich sowie eine Reise zum Selbst. Ich werde das Kernthema des Kampfes darstellen und jedem bewusst machen, das der Kampf, so wie wir ihn zu führen gewohnt und von ihm überzeugt sind, dass dieser Kampf uns selbst am meisten schadet und wir uns von ihm verabschieden sollten, wollen wir vital, gesund und erfolgreich unser Leben in Glück und Harmonie gestalten. Und noch viel mehr… Am Ende wird es hoffentlich für einen Diskussion reichen.

Der Titel der Veranstaltung ist „Neoliberale Propaganda – wie uns die Medien zur Solidarität mit den Herrschenden zwingen“. Wie passt das „Nicht Kampf Prinzip“ in diese Reihe und wie kann man es anwenden um einen Blick hinter die Kulissen zu werfen?

Ich bin davon überzeugt, dass gerade hier das Nichtkampf-Prinzip als Augenöffner fungiert. Wenn dem Einzelnen erst einmal tatsächlich gewahr wird, was dieses „Kämpfen müssen“ anrichtet und mit einem selbst schon alles angerichtet hat, dann beginnt man sich zuallererst von all dem Bremsen zu lösen, die dazu geführt haben, dass man selbst sich nicht getraut hat, selbstbestimmt und nicht weiter fremdbestimmt sein Leben zu gestalten.

„Wir werden alle zu Zombies erzogen, durch die Eltern, durch Schule, Arbeitswelt und Hamsterrad. Das soll mein Leben sein? All das ist ja das Leben, das uns die „Neoliberale Propaganda“ tagtäglich serviert.“

Jeder der den Weg geht, erhält all die Energien wieder, die für die zahlreichen tagtäglichen Kämpfe verpufft sind; das eigene Leben ist dabei zu einem Reibeisen geworden, das einem vor allem die Lebendigkeit und die innere Gefühlswelt, wie in einem Fleischwolf, zerfetzt hat. Wichtigster Punkt ist hier die Familie, die Scheidungskultur sowie die desolate Welt der Kinder und Jugendlichen. Wir werden alle zu Zombies erzogen, durch die Eltern, durch Schule, Arbeitswelt und Hamsterrad. Das soll mein Leben sein? All das ist ja das Leben, das uns die „Neoliberale Propaganda“ tagtäglich serviert. Es ist einfach unfassbar, wenn man dahinter gekommen ist, dass all die Kämpfe nur dem schnöden Mammon dienen. Er dient der Besitzstandwahrung einer ganz kleinen unmenschlichen Elite. Und diese Elite schreit nach KAMPF: KÄMPFE FÜR UNS, ZIEH IN DEN KRIEG! Dieser Elite all ihre Macht zu entkleiden kann nur gelingen, wenn wir ihnen ihre Macht über uns zu herrschen verweigern. Ihre Macht ist der Kampf und der Krieg, ist Unmenschlichkeit für Menschlichkeit zu halten.
Ich glaube sogar, dass das Nichtkampf-Prinzip hier völlig neue Wege zur Entmachtung derer und zur Bemächtigung von uns, dem kleinen Mann, führen kann; Höre einfach auf zu kämpfen. Denn der Kampf vergrößert ihre Macht, ihre Herrschaft über uns und ihren unermesslichen Reichtum, mit dem sie uns um ihre Finger wickeln. Doch sind das alles sehr gut inszenierte Illusionen, die sie uns als unsere Werte verkaufen.
Ich danke für dieses Interview.

Wir danken!

Das Gespräch führte für Gruppe42 Stephan Bartunek.

Vortragsreihe
„Neoliberale Propaganda – wie Medien uns zur Solidarität mit den Herrschenden zwingen
am „Platz der Vereinten Nationen“ in Wien 1220 direkt an der U-Bahnstation VIC/Kaisermühlen

Einlass 18:30
Beginn 19:00

Wir bitten unsere Gäste sich am „Platz der Vereinten Nationen“ einzufinden, von dort werden sie dann zum Veranstaltungssaal gelotst.

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Name: Stephan Bartunek
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