Prinzip Hoffnung – eine Geschichte aus Nickelsdorf

Heute, am 15. September, war ich den Nachmittag über in Nickelsdorf an der Grenze zu Ungarn und habe mich als unbezahlter Kameramann engagiert.
Es hat sich mehr als gelohnt.

Die Zeiten die wir momentan erleben sind spannend und es kann passieren, dass sich ein latenter Frust breit macht, wenn man in unsere Medienlandschaft schaut.
Aber ich plädiere darauf, dass man nicht allem was man zu sehen, zu lesen oder zu hören bekommt Glauben schenkt.
Ja, die Situation in Nickelsdorf ist ein Ausnahmezustand, aber so irritierend die großen Menschenmassen der Heimatvertriebenen auch sind, so bezaubernd sind die Menschen die den Flüchtenden helfen.
Damit meine ich die freiwilligen Helfer, genauso wie auch die Polizisten die dort stationiert sind und alle die sich vor Ort um die Menschen kümmern.

Ich habe heute junge Männer und Frauen in Uniformen gesehen, die sich mit Kindern aus dem Nahen Osten gespielt haben. Sie konnten nicht miteinander reden, aber sie haben gemeinsam gelacht.
Ein Trupp junger Flüchtlinge spielte Fußball – ja es waren viele junge Männer dabei, aber wirklich bedrohlich wirkte keiner von ihnen.
Sie waren aufgelöst und glücklich darüber in Sicherheit zu sein.

Eine Frau aus Syrien, eine muslimische Krankenschwester, hat uns ihre Geschichte erzählt, als die IS Truppen in ihr Dorf einfielen. Die Staatsmacht konnte nicht mehr reagieren, da Assad ja erklärter Bösewicht ist und die westliche Wertegemeinschaft alles daran gesetzt hat, dass das Land in den Bürgerkrieg schlitterte. Wir wissen halt, was so eine neoliberale Demokratieverordnung wert ist!
Die durchgedrehten Extremisten haben der Dorfgemeinschaft verboten fernzusehen, dann durften die Frauen nicht mehr die Häuser verlassen. Als sich Widerstand im Dorf regte wurde kurzerhand siebzehn Männern auf offener Straße der Kopf abgeschnitten.
Die Krankenschwester beschloss mit ihrer Familie zu flüchten, eine Odyssee bis nach Österreich. Demütigungen durch Schlepper inklusive.
Heute stand sie vor mir und ihr Blick traf mich ins Innerste.
Sie war Dankbar einfach nur dafür, dass sie ihre Geschichte erzählen durfte und dass es Menschen in unserem Land gibt, die ihr dabei zuhörten.
Die Frau wurde auch gefragt ob es unter den Flüchtenden Extremisten gäbe die sich mit einschleusen lassen, was sie aber verneinte, da dies keinen wirklichen Sinn ergibt.
Sie würden von den Heimatvertriebenen zerrissen werden.

Ich vermute, dass hier gezielt Propaganda betrieben wird um einerseits eine aggressive Grundstimmung zu erzeugen, die dann mit dem richtigen Anlass schnell eskalieren kann und um andererseits weiter einen Keil in unsere Bevölkerung zu treiben, die ja mittlerweile nur noch aus zwei Lagern zu bestehen scheint, die Gutmenschen und die besorgten Bürger.
Ich sehe mich in keinem dieser Lager, aber bin mir sicher, ich lande mit diesem Text bei den Gutmenschen. Der Absatz mit Assad wird mich dann wohl wieder zum besorgten Bürger mutieren lassen.

Mein Vertrauen in die Politik konnte ich heute nicht wiedergewinnen, zumindest auf nationaler, europäischer und globaler Ebene. Die verheerenden Ursachen für diese Flüchtlingsströme werden nach wie vor konsequent ausgespart und die Kritik an der westlichen Kriegspolitik wird einfach ausgespart.
Der Bürgermeister von Nickelsdorf aber hat meinen aufrichtigen Respekt. Gerhard Zapfl ist ein gutgelaunter, intelligenter Mann, der in seiner Heimatgemeinde wirklich großes leistet.
Er steht konsequent vor den Bewohnern seines Ortes, aber genauso schützend hält er die Hand über die ankommenden Schutzsuchenden.
Wenn das Sozialdemokratie ist, dann ein großes Ja.

Mein Vertrauen in die Menschheit wurde heute aber wieder bestärkt.
Es gibt Grausame und Widerliche unter uns, aber ich bin felsenfest davon überzeugt, dass das Groß der Menschen nichts anderes will als ein zufriedenes Leben zu führen – ohne Krieg, ohne Besatzung und ohne Ausbeutung.
Es liegt an uns Anständigen, dass wir mit Solidarität und mit dem Prinzip Hoffnung, aufbauend auf radikalem Humanismus, die Wohlwollenden zusammen führen.
Davon gibt es mehr als genug.

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