„Der Szene auch ein bisschen intellektuellen Glanz geben.“ Wätzold Plaum

„Das Internet ist nur eine Zumutung, wenn man versucht es im Griff zu haben.“
Peter Kruse

Wätzold Plaum ist promovierter Mathematiker und studierte Physik, Philosophie und Wissenschaftsgeschichte an der Universität Regensburg und arbeitet als Softwareentwickler für einen der größten deutschen Ingenieursdienstleister.
Gerade Menschen mit diesem Bildungsweg und seinem Hintergrundwissen haben eine sehr differenzierte Sicht auf das Internet und seine Kapazitäten, denen man durchaus einen revolutionären Aspekt zugestehen kann und eigentlich sogar muss.
So sieht es eben auch Wätzold und er veröffentlichte im Jahr 2012 sein Buch „Die Wiki-Revolution. Absturz und Neustart der westlichen Demokratie“, wo er  die aktuelle politische, wirtschaftliche und finanzielle Lage Deutschlands und der westlichen Länder allgemein analysiert und dabei auch Lösungsansätze zu den herrschenden Krisen aufzeigt. Dabei beruft er sich hauptsächlich auf Regeln die aus der Open-Source-Bewegung bekannt sind und die eben auch, ausgeweitet auf Politik und Gesellschaft, dafür sorgen könnten, dass sich die immer weiter ausbreitende, globale Postdemokratisierung noch aufhalten lässt.
Für uns von „Gruppe42“ sind Menschen wie Wätzold Plaum die Bestätigung dafür, dass Internet noch viel mehr kann als Pornos, Facebook und MMO´s und daher freuen wir uns, dass Wätzold neben seinem Beruf, seiner Familie und seinem Vlog auf Youtube, sich die Zeit nehmen wird mit uns zu kooperieren.
Um ihn unserer Community vorzustellen eröffnen wir unsere Zusammenarbeit mit 4+2 Fragen zum Thema Internet, Verschwörungstheorien, Medienkritik und Linke:

Du beschäftigst Dich mit dem Internet und seiner revolutionären Kraft und hast erkannt, dass es hier, im Neuland, ein sehr großes Potenzial gibt von dem der klassische Konsument kaum etwas mitbekommt.
Mit „Gruppe42“ versuchen wir auch genau diese Strukturen zu entdecken, zu bündeln und zu fördern, daher ist eine Zusammenarbeit mit Dir auch doppel plus gut.
Ist für Dich das Internet ein Medium welches das herrschende Bewusstsein verändern kann und wo liegt für Dich das Potenzial?

Für mich ist das Internet das Medium einer Medienrevolution, die nicht weniger bedeutend ist wie die Erfindung des Buchdrucks vor fünfhundert Jahren. Damals wie heute ging es darum, Wissensmonopole zu brechen. Das Internet macht vielen Menschen klar, dass die von Konzernen oder Staaten getragenen Medien bis heute erhebliche Wissensmonopole verwalten. Weil das Internet einfach Alternativen bietet. Immer mehr Menschen haben das Gefühl, von den etablierten Medien betrogen zu werden. Seit Jahren sinken die Auflagenzahlen der großen Tageszeitungen zum Teil dramatisch. Gleichzeitig gelingt es einem Journalisten, der aus welchen Gründen auch immer von traditionellen Medienanbietern aussortiert wurde, eigenständige Medienformate zu etablieren, die durch Zuschauerspenden finanziert werden. Ich rede von Ken Jebsen. Bislang war es so, dass ein tiefer Graben zwischen derartigen Alternativmedien, die sich etwa seit 2005 im deutschsprachigen Raum etablierten, und dem „Mainstream“ herrschte. Doch eine Aufweichung ist unumgänglich und auch schon zu beobachten, da sich ansonsten bald nur noch Unterprivilegierte dem Angebot der Massenmedien aussetzen werden. Vor kurzem hat Willy Wimmer zusammen mit Peter Gauweiler einen offenen Brief an Angela Merkel auf Spiegel-Online veröffentlicht, obwohl Willy Wimmer seit geraumer Zeit durch alles tingelt, was Rang und Namen in der alternativen Szene hat. Daran sieht man, dass die Dissidenten nicht mehr so leicht zu diskreditieren sind wie früher. Da sich diese Entwicklungen in der Zukunft noch verstärken werden, ist mit massiven Folgen in allen Bereichen zu rechnen, Politik, Gesellschaft, Kultur. Wir dürfen auch nicht vergessen: Die Generation „Youtube“ wird gerade erst erwachsen und beginnt politisches Bewusstsein zu entwickeln. Das wird in Zukunft noch sehr, sehr spannend werden!

Du hast es gerade eben angedeutet, es wird mit so ziemlich allen Mitteln versucht, die Herrschaft über das Wissensmonopol zu halten und mittlerweile mehren sich die Stimmen, die das freie Internet massiv zensieren wollen.
Die große Wende war, zumindest im deutschsprachigen Raum der Konflikt in der Ukraine und die herrschende Berichterstattung darüber.
Plötzlich wurden die Mainstreammedien mit einer öffentlichen Meinung konfrontiert, die mit der von ihnen veröffentlichten nicht mehr vereinbar war.
Es wurden von einigen renommierten Medien dann die Online-Foren eingestellt und seitdem wird man nicht müde, auf die Gefahren des Internets aufmerksam zu machen.
Wie siehst Du diese Entwicklungen?

Natürlich droht hier eine riesen Gefahr. Zum Beispiel auch durch dem Quasi-Monopolisten Google und mehr noch Youtube. Trotzdem glaube ich, dass sich letztendlich das emanzipatorische Potential des Internets durchsetzen wird. Der Geist ist aus der Flasche und er kann nicht wieder eingefangen werden. Trotzdem bleibt viel zu tun. Wir sollten vor allem die sprachlichen Diskriminierungsmechanismen dekonstruieren. Wer unliebsame Meinungen äußert bekommt heute schnell das Etikett „Verschwörungstheorie“ oder „Hasskommentar“. Wer Angst davor hat, als Verschwörungstheoretiker tituliert zu werden, hat aber im Grunde genommen schon verloren. Ich halte es für zielführender, diesen Sprachgebrauch kritisch aufzugreifen und – bildlich gesprochen – den Ball zurück in die gegnerische Hälfte zu spielen. Der US-Wahlkampf führt freilich vor Augen, wie tief anscheinend das Niveau des politischen Diskurses im Westen mittlerweile gesunken ist. Da sollten gerade die alternativen Medien dagegen halten.

„Eine aufgeklärte Gesellschaft zeichnet sich eben auch dadurch aus, dass die Aufdeckung von Skandalen möglich ist, die aber in den meisten Fällen den Charakter von Verschwörung tragen. Das heißt, wer grundsätzlich gegen „Verschwörungstheorien“ polemisiert, wendet sich letztlich gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung.“

Der Szene auch ein bisschen intellektuellen Glanz zu geben halte ich für eine spannende Herausforderung für die Zukunft. Doch zurück zum Thema: Nicht jede Kritik ist „Hass“, nicht jede Form von investigativem Journalismus ist eine „Verschwörungstheorie“ im abwertenden Sinne. Das muss man freilich auch dem politischen Gegner zugestehen, denn unter Gleichgesinnten fällt Toleranz bekanntlich nicht schwer. Selbstverständlich ist es etwa erlaubt, den Islam zu kritisieren, denn der Islam ist nach aufklärerischem Verständnis ein Bekenntnis, das Menschen aus freier Wahl annehmen, und keine ethnische Zugehörigkeit. Es entspricht meiner liberalen Grundhaltung, hier lieber gewisse Ausfälligkeiten in Kauf zunehmen, die sich ja meist selbst diskreditieren, als alles mit der heiligen Inquisition der politischen Korrektheit zu bekämpfen. Denn darin liegt Gefahr einer gefährlichen Selbsttäuschung, nach dem Motto: „Die Probleme sind gelöst, wenn sie im Reich der Worte gelöst sind.“ Das sind sie eben nicht. Und noch zum Thema „Verschwörungstheorie“: Eine aufgeklärte Gesellschaft zeichnet sich eben auch dadurch aus, dass die Aufdeckung von Skandalen möglich ist, die aber in den meisten Fällen den Charakter von Verschwörung tragen. Das heißt, wer grundsätzlich gegen „Verschwörungstheorien“ polemisiert, wendet sich letztlich gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung.

Die Idee, dass eine Religion aus freier Wahl angenommen wird, ist aber doch etwas gewagt. Wenn Dir als Kind ein Teil von Deinem Penis abgeschnitten wird, dann ist das eine Prägung und Kennzeichnung die autoritär durchgeführt wird.
Sogenannte „Islamkritik“ aber auch generell Kritik an Religionen ist doch ähnlich als würdest Du Rockmusik, Videospiele oder Comics kritisieren – es führt zu nichts und trübt den Blick.
Wirklich spannend wird es doch erst, wenn Du ein scharfes Auge behältst und hinter die Kulissen blickst. Strukturelle Gewalt hat es schon vor den monotheistischen Religionen gegeben und solange man das nicht erkennt und aufdröselt, wird es Gewalt, Terrorismus und Krieg auch weiter geben, auch ganz ohne Religionen und mit sehr viel Aufklärung.

Ich glaube, das Thema Religion führt vom eigentlichen Thema weg, aber trotzdem möchte ich Antworten. Religionskritik ist zumindest historisch gesehen die Wurzel der Aufklärung. Sie muss erlaubt sein. Das sage ich nicht, weil ich etwa antispirituell eingestellt wäre. Natürlich sind Beschneidungen im Kindesalter problematisch. Aber zumindest im Erwachsenenalter mache ich doch im wesentlichen jeden Menschen selbst dafür verantwortlich, was er glaubt oder nicht glaubt. Das Problem ist, dass man das Thema sehr viel tiefer diskutieren müsste, und Verkürzungen schnell zu Missverständnissen führen.

„Das Problem, dass die kritische Tiefe und Wissenschaftlichkeit im Journalismus nachlässt liegt aber nicht nur an den Journalisten. Es hat auch damit zu tun, dass sie allzu viele Wissenschaftler wegducken, sobald es um politisch relevante Fragen geht.“

Du behauptest, dass die Polarisierung gegen „Verschwörungstheorien“ schon ein antidemokratischer Akt ist. Tatsächlich erleben wir ja auch einen breiten postdemokratischen Prozess im deutschsprachigen Raum, aber auch global betrachtet. Autoritäre Verhältnisse müssen immer durch Glaubensprinzipien geschützt werden, da Wissenschaft und Vernunft diese Strukturen gar nicht erst zulassen.
Wir haben selbst vor kurzer Zeit erklärt, dass mit den umstrittenen Terroranschlägen von 9/11 wissenschaftliche Standards und Fakten wieder zu Meinungen pervertiert wurden und ein allgemeines Prinzip des Glaubens über die westliche Gesellschaft gestülpt wurde: „Geht arbeiten und einkaufen und glaubt an eure Leader.“
In einem Vlog von Dir kritisierst Du dann, dass gerade in den Mainstreammedien kaum noch wissenschaftlich gearbeitet wird.
Erleben wir eine willkürlich vorangetriebene Verblödung der Gesellschaft?

Ja und Nein. Es ist einfach so, dass die Denkschemata der politischen Klasse an Gültigkeit verlieren, und es gibt Menschen, die sich an das alte System klammern und solche, die das erkannt haben, geistig auf Distanz gehen und nach neuen Möglichkeiten suchen. Je schwieriger die bestehenden Verhältnisse zu rechtfertigen sind, desto eher kommen auch schmutzige Tricks wie Lügen, Zensur etc. zum Einsatz. Um aber eines nochmal klar zu stellen: Natürlich gibt es auch Verschwörungsfanatiker, die von einem erheblichen Maß an Irrationalismus gekennzeichnet sind. Allein das Etikett „Verschwörungstheorie“ wurde in den letzten Jahren immer inflationärer gebraucht, und das ist es, was ich kritisiere. Zum Thema wissenschaftliche Standards: Im Journalismus beobachte ich eine Tendenz, dass gründliche Recherche immer seltener wird. An die Stelle tritt häufig das, was ich „Einzelfall-Journalismus“ nenne, in seiner gesteigerten Form noch mit ordentlich emotionalen Drama unterlegt. Ein Beispiel dafür ist die ARD-Doku „Zerrissene Ukraine“ von Golineh Atai. Der Film könnte gut und gerne als Propagandafilm der Kiewer Seite des ukrainischen Bürgerkrieges bezeichnet werden. In Epischer Breite wird gegen Schluss des Filmes die Beerdigung eines urkainischen Soldaten geschildert, in einer Weise, die ganz klar für eine Seite des Krieges Partei ergreift. Immer, wenn der anderen Seite kein Gesicht gegeben wird, sollte man gewarnt sein. Bezogen auf die Einzelschicksale hätte die Doku auch genau spiegelbildlich mit pro russischer Sichtweise gedreht werden können. So bewegend Einzelschicksale sein mögen, sie sind strukturalistisch betrachtet in der Regel irrelevant. Belastbare Argumente von allgemeiner Gültigkeit zu finden und vor allem diese einem Publikum gut zu vermitteln ist viel schwieriger. Das Problem, dass die kritische Tiefe und Wissenschaftlichkeit im Journalismus nachlässt liegt aber nicht nur an den Journalisten. Es hat auch damit zu tun, dass sie allzu viele Wissenschaftler wegducken, sobald es um politisch relevante Fragen geht. Das ist umso trauriger, als tatsächlich kaum eine Berufsgruppe sich so risikoarm zu Wort melden könnten, wie verbeamtete Hochschullehrer und Wissenschaftler.

Ein System der Herrschaft braucht Gewalt in offenen aber auch subtilen Formen.
Fabian Scheidler schreibt in seinem Buch „Das Ende der Megamaschine“ von den „drei Tyranneien“ die unsere Gesellschaft geformt haben und immer noch in Form halten: „Phsysche Macht“, Strukturelle Gewalt“ und „Ideologische Macht“. Diese führen dann zur „vierten, unsichtbaren, Tyrannei“, nämlich des „linearen Denkens“.
Es wird gesellschaftlich verlangt, dass man mit seinen Gedanken, sogar mit seinem Empfinden auf Linie bleibt. Das kann der Hochschulprofessor oder der Wissenschaftler sein, der sich in seinem Kopf selbst beschneiden muss um systemtauglich zu bleiben oder das ist eben kollektiv eine Gesellschaft, die man zum Beispiel über Solidaritätsbekundung per Facebook zu einer gewünschten Empörungshaltung dressiert. Diese stetige Repression führt aber zu einem andauernd reaktionären Verhalten.
Du kritisierst in Deinem Vlogs auch sehr galant „die Linke“, denen Du unterstellst, dass gerade ihre politische Sicht doch einem universellen Gedanken zugrunde liegen sollte.
Golineh Atai, die ARD-Journalistin, würde vermutlich von sich selbst behaupten, dass sie links, zumindest liberal ist.
Was ist, aus Deiner Sicht, in den letzten Jahren oder Jahrzehnten mit „der Linken“ passiert?

Aus meiner Zeit an der Universität kann ich sagen, dass in der Tat hier ein ziemlich ängstlicher und anpassungswilliger Menschentypus vorherrscht. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn als Akademiker an der Universität ist man sehr weitgehend der Gunst seiner Gönner ausgeliefert, solange man noch keine Professur hat. Jeder Facharbeiter hat da eine bessere Lobby. Der sich daraus ergebende Konformitätsdruck verstärkt sich auch noch dadurch, dass die Tage, an denen die akademischen Kapazitäten großzügig ausgebaut werden, vorbei sind. In den 60er bis 80er Jahren, als viele neue Stellen geschaffen wurden, konnten auch Nonkonformisten ihre Nische finden. Diese Zeiten sind leider vorbei. Bei der politischen Linken sind die Dinge komplizierter. Nicht umsonst habe ich begonnen, diesem Thema eine ganze Reihe auf meinem Youtube-Kanal zu widmen. Deswegen nur ein paar Andeutungen: Ein Problem sehe ich darin, dass „Links-Sein“ bei weitem unpolitischer ist, als man naiverweise glauben mag. Das liegt daran, dass das linke Weltbild unterschiedliche Funktionen erfüllt. Natürlich liefert es ein politisches Weltbild, aber daneben etwas noch viel wichtigeres, nämlich ein geschlossenes Weltbild für Agnostiker und Atheisten, die sich noch einen Rest Idealismus bewahrt haben. Wer sich in traditionellen spirituellen Konzepten nicht zu Hause fühlt, der lebt ja zunächst einmal mit einer ziemlichen Unsicherheit. Und da kam eben einst Vater Marx und erklärte die Welt, auf denkbar einfache Weise. Er gab Heerscharen von modernen Menschen wieder die Geborgenheit einer Kirche. Das ist bis heute ein Hemmnis, denn über die Grundfesten der eigenen weltanschauliche Geborgenheitssysteme diskutieren die Menschen nicht gerne. Und das führt zu einem gewissen Mangel an Selbstkritik, was zum zweiten Punkt führt: Bis heute ist das Scheitern des politischen Kommunismus mit dem Untergang des Ostblocks nicht wirklich aufgearbeitet. Natürlich sind heute die wenigsten Linke Kommunisten, doch die Tragödie des demokratischen Sozialismus in Venezuela zeigt, dass eine substantielle Überwindung des alten zentralstaatlichen Sozialismus bis heute nicht wirklich geglückt ist. In Venezuela wurden zu viele Fehler des Kommunismus des 20. Jahrhunderts wiederholt, was letztlich zur aktuellen Katastrophe führte. Und schließlich hat sich die politische Linke einlullen lassen von einer internationalistischen Rhetorik gerade aus den Kreisen, denen sie traditionell mit äußerstem Misstrauen begegnen müsste: den Haupttriebkräften der bestehenden ökonomischen Verhältnisse. Denn deren Sprachregelungen klingen eigentlich seit 1945 mehrheitlich „links“. Da wird viel vom „Wohlstand für alle“ geredet, von „Völkerverständigung“ und „Friede“ und „Freiheit“. Heute reibt sich die politische Linke verwundert die Augen und muss feststellen, dass die Opposition zur Globalisierung von der politischen Rechten besetzt wird.

Die Frage ist doch eigentlich, ob wer von „den Linken“ eigentlich noch wirklich links ist. Du hast Ken Jebsen schon erwähnt, der ja tatsächlich einen universalistischen Ansatz pflegt und mit seinem Zorn nach Gerechtigkeit im deutschsprachigen Raum für Furore sorgt.
Schaut man sich seine Hater an, dann sieht man, dass gerade auch angebliche „Linke“ sich hier sehr reaktionär verhalten.
Die neuen Medien haben die Sicht auf die Welt gravierend verändert und ich frage Dich, ob Denkschemen wie „links“ und „rechts“ eigentlich noch zulässig sind oder ob es nicht vielleicht eine neue Definition braucht für eine breite politische Bewegung?

Das ist – denke ich – eine Frage der Definition. Eine politische Linke als Vertretung der organisierten Arbeiterklasse gibt es heute tatsächlich nicht mehr. Aber das hatte sich im Grunde genommen schon mit den 68ern erledigt. Im linken Lager kann man aber – denke ich – nach wie vor von orthodoxen und und unorthodoxen Linken sprechen. Und da hat sich Ken Jebsen in den letzten Jahren zu einer Gallionsfigur der letzteren entwickelt. Orthodoxe Linke, also solche, die sich noch in relativ starker Kontinuität zum Marxismus sehen, bemerken freilich, dass ihre Zeit im Grunde genommen abgelaufen ist. Doch anstatt sich um neue Ideen zu bemühen, gefallen sich viele in der Rolle der ideologischen Blockwarte in vornehmlich destruktiver Kampf gegen tatsächliche oder vermeintliche politische Gegner. Mit einem derartigen Gestus hat sich die politische Linke in der Vergangenheit nur allzu oft in den Dienst der eigentlichen Eliten gestellt. Denn wer Kleinbüergertum und Bourgeoisie bekämpft, der betreibt eine Spaltung von den unteren 60% gegenüber den oberen 39%, Das ist natürlich ein Sozialismus, der den Milliardären gefällt. Ihnen konnte linke Sozialpolitik ja nicht bedrohlich werden. Die nationalstaatlichen Steuersysteme konnten ihnen in der Vergangenheit wenig anhaben. Hier brauchen wir in der Tat ein Umdenken. Denn es gibt eine Form der sozialen Gerechtigkeit, von der die allermeisten profitieren würden, vom Arbeiter bis ins bürgerliche Lager und sogar bis zum mittelständischen Unternehmer. Denn sie alle werden bedroht von einem aus den Fugen geratenen Finanz- und Geldsystem. Hier sehe ich in der Tat die Notwendigkeit für eine breite Bewegung in der Zukunft.

Es entsteht der Eindruck, dass gerade durch die ideologischen Blockwarte eine breite Bewegung für die Zukunft verhindert wird.
Kritik an herrschenden Verhältnissen macht Dich schnell, bestenfalls, zum Gutmenschen, Sozialromantiker, Linksversifften oder gleich zum Neurechten, Antisemiten, Verschwörungstheoretiker oder Antiamerikaner.
Das Problem liegt nicht selbst in der Denunzierung sondern in der Reaktion darauf. Viele Menschen haben Angst sich ähnlichen Repression aussetzen zu müssen und bleiben lieber passiv in ihrer Komfortzone die aber ohnehin von Tag zu Tag unbequemer wird.
Was braucht es um eine Bewegung zu gestalten, die interessant für einen großen Teil der Bevölkerung ist und die trotz Denunzierung und Diffamierung wachsen kann?

Das ist natürlich eine sehr schwere Frage, denn es braucht vieles. Das erste ist, dass wir zum Sturm auf die Hochkultur ansetzen müssen. Grundlegende Themen der neuen außerparlamentarischen Opposition müssen in Kunst, Literatur, Feuilleton und Nachrichten eindringen. Ich denke da an Themen wie: die Grundfehler unseres Geld- und Finanzsystems, die destruktive Rolle vieler Geheimdienste, verfälschende und einseitige Medienberichterstattung, machiavellistische Geopolitik unter dem Deckmantel von Menschenrechten und Demokratie. Wenn es bei etablierten Medienanbietern nicht klappt, müssen neue gegründet werden. Dazu gehört auch, dass wir uns um Seriosität bemühen müssen, wo es nur geht sollten auch namhafte und renommierte Personen in den Diskurs mit eingebunden werden. Als zweites brauchen wir eine eigene Ästhetik oder – wenn man so will – ein eigenes Lebensgefühl. Und dieses Lebensgefühl muss sich gut anfühlen. Es muss positiv sein, weil es von einer optimistischen Zukunftsvision getragen ist. Das dritte ist, wir brauchen etwas, was ich „Brecheisenthema“ nenne. Also eine gesellschaftlich-politische Forderung, deren Durchsetzung das bestehende System derart grundlegend verändern würde, dass die sich daraus ergebende Dynamik ausreicht, um den Rubikon zu überschreiten. Ein solches Thema muss leicht zu vermitteln und im hohen Maße konsensfähig sein. Beim Zusammenbruch des Ostblocks war das Brecheisenthema die Forderung nach Reisefreiheit. Mir fallen hier spontan mehrere Möglichkeiten ein: Etwa die Forderung nach einer „dritten Republik“. Das ist natürlich auf Deutschland bezogen, da im Grundgesetz eine vom Volk abgestimmte Verfassung im Falle einer Wiedervereinigung versprochen wird, die bis heute aussteht. Oder aber eine Initiative bezogen auf die EU unter dem Schlagwort „Respekt oder Austritt“. Hier könnte man fordern, die EU derart zu demokratisieren, dass in keinem EU-Staat die demokratischen Standards der Nationalstaaten durch die EU unterboten wird. „Respekt“ würde hierbei Respekt vor der Demokratie, den Bürgerrechten und letztlich den Menschen bedeuten, welchen der europäische Einigungsprozess seit Anbeginn vermissen lässt. Ein globales Projekt wäre die Forderung nach einem allgemeinen Schuldenerlass, einem weltweitem Jubiläum. Wenn die Menschen dadurch erstmal frei wären von der gröbsten Existenznot, käme es wahrscheinlich zu einer kreativen Explosion, welche die bestehenden Verhältnisse von ganz alleine zur Makulatur machen würde. Zum Thema Diffamierungen kann man noch sagen: Diffamierungen haben die Geschichte noch nie aufgehalten. Wenn Menschen nur das wollen, haben sie schon verloren. Wenn nicht, dann müsste sich mit ihnen ein Stück weit auch konstruktiv reden lassen.

Das Gespräch für Gruppe42 führte Stephan Bartunek.

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